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des Textes "Die therapeutische Bedeutung des Nan Jing"

Die therapeutische Bedeutung des Nan Jing

von Josef Viktor Müller

Akupunktur war im Begriffe eine vergessene Kunst zu werden als sich im Japan der 30er Jahre eine Bewegung bildete, die sich unter dem Leitsatz "zurück zu den Wurzeln" einer einseitigen Technisierung und Verwissenschaftlichung der Chinesischen Medizin (CM) widersetzte. Diese Bewegung, inspiriert von charismatischen Behandlern wie Yanagiya und Sawada, wählte das Nan Jing, den Klassiker der Schwierigen Fragen, als ihren zentralen Text, welcher das Credo der späteren Meridian Therapie (MT) darstellen sollte. Diese war darauf ausgerichtet, als unabhängige, auf das Leitbahnsystem zielende Therapie, sowohl neben der Schulmedizin als auch neben der Chinesischen Pharmakologie in Form des Kanpo (die ebenso Ärzten vorbehalten ist) zu bestehen. Weitergeführt von innovativen Akupunkteuren wie Manaka oder Akabane entwickelten sich äusserst feine und differenzierte Methoden, die verschiedenen Ebenen des LBS zu interpretieren, zu diagnostizieren und zu behandeln. Eine derartige Methodik unterscheidet sich in weiten Teilen stark vom Zwittergebilde der TCM-Akupunktur, die aufgrund ihrer Unterordnung unter die Pharmakologie eine theoretische und praktische Unklarheit mit einer Durchmischung von Konzepten aufweist. Demgegenüber baut die MT fast monolithisch auf das Nan Jing und den Nadelklassiker Ling Shu auf, was eine Ausrichtung auf die Stärken der Akupunktur ermöglicht: die Leitbahnen anstatt der Zang Fu, welche den Ansatzpunkt der Pharmaka darstellen. MT fusst so eindeutig auf klassischen Konzepten der CM und bewahrt dabei den unabhängigen Charakter der Akupunktur, die sich vorwiegend an das kybernetische System der Fünf Wandlungsphasen wendet, statt immer mehr an die mehr organbezogenen Funktionen der Pharmaka angeglichen zu werden.

Eine Übersicht über die einzelnen Abschnitte mit ausgewählten Kapiteln soll die pragmatische Auslegung des Nan Jing durch die MT belegen (diese Einteilung folgt der Nan Jing-Ausgabe von Unschuld). Daraus wird ersichtlich warum die MT die Akupunktur der Akupunkteure genannt wird.

Sektion 1 als die umfangreichste umfasst sie Kp. 1-21 und handelt vorwiegend von der Pulsdiagnostik. Das erklärt auch die Betonung dieser Diagnoseform durch die MT in solchem Masse, dass sie Pulsdiagnose-Therapie genannt wird. Der Pulsdiagnose wird als zweites diagnostisches System die abdominale Untersuchung zur Seite gestellt, wie sie im Kp. 16 dargestellt ist: konsequent in 5 Zonen aufgegliedert, genauso wie die Pulsdiagnose auf eine konsequente Anordnung der Pulspositionen im Sheng und Ko'Zyklus der Fünf Wandlungsphasen zugeschnitten ist.

Demgegenüber bildet die pharmakologische Pulsanordnung in die topographische Position der Organe, verteilt auf die drei Wärmebereiche, einen scharfen Kontrast und wird logischerweise ergänzt durch eine ebenso topografisch angeordnete Zungendiagnostik. Das Shen-Hammersystem der Pulsdiagnose stellt eine Weiterentwicklung dieses auf Zang Fu Diagnostik ausgerichteten Pulsmodells dar und ist deshalb nicht ohne weiteres kompatibel mit einer Leitbahn-Diagnostik, die sich an den schnellen und feinen kybernetischen Impulsen der Fünf Qi-Bewegungen orientiert.

Die auf die Qi-Verteilung in den Leitbahnen abgestimmte Pulspositionsdiagnose (das Ling Shu beschreibt die Pulsveränderung bei der Nadelung als "man spürt einwenig") eignet sich daher besser für eine Therapie, die die äusserst kurze Verweildauer der jeweils einzelnen eingesetzten Nadeln nach der Pulsveränderung bemisst und die Nadel nicht standardmässig ohne Pulstastung für längere Zeit belässt, wodurch natürlich viel Qi zerstreut wird, was wiederum den Mythos fördert, dass bei Substanzdefekten nur Pharmaka helfen können.

Auch der Bauchraum (jap. Hara) spiegelt ebenso subtil wie dynamisch die Veränderungen von leichter Nadelstimulation als Informationstherapie wieder. Eine Spekulation, warum sich die abdominale Untersuchung in Japan aber nicht in China durchgesetzt hat, obwohl sie im Nan Jing wesentlich früher auftaucht als die erst viel später in der Literatur erscheinende Zungendiagnostik geht dahin, dass in der japanischen Kultur generell weniger Abneigung gegen die Entblössung von Körperteilen besteht, als das im chinesischen Kulturbereich der Fall ist. Neben der schnellen Überprüfbarkeit spricht eine weiterer Gesichtspunkt für die Einbeziehung des Bauchraumes in die Diagnostik: Der Nabelbereich stellt im chinesischen medizinischen Denken das Zentrum der energetischen Organisation des Körpers dar, welche die mikrokosmische Analogie zum Himmelszentrum bildet - eine Tatsache, die durch die vielen Punktnamen belegt wird, die astrologische Titel tragen und sich im Umkreis des Nabels befinden (Ma 2, Ren 3, Ma 23 usw.).

Gegenüber der palpatorischen Diagnose von Pulsen, Bauchdecke und Leitbahnen treten die anderen diagnostischen Methoden wie Fragen, Hören/Riechen und Sehen in den Hintergrund. Auch diese sind jedoch auf Leitbahnen ausgerichtet (Einbezug der Leitbahn-Symptomatik nach Kp. 10 Ling Shu) bzw. auf Wandlungsphasen-Assoziationen wie die fünf Farben, die fünf Töne, die fünf Ausdünstungen usw. Man frägt zwar bezüglich der fünf Mühen und der fünf klimatischen Abneigungen (nicht sechs!), gibt aber eindeutig der Palpation bei der letztendlichen Musterbestimmung den Vorrang. Diese Muster weisen - wie nicht anders zu erwarten eine fünffache Gliederung auf, sind also im Vergleich zur Vielfalt der Syndrombilder relativ einfach, jedoch von grosser Komplexität aufgrund der vielen kybernetischen Wechselbeziehungen zwischen den Leitbahnen: Sheng- und K'o-Zyklus, Mittag-Mitternacht- und 10-Himmelsstämme-Beziehungen bilden ein eng vernetztes System mit vielfältigsten Möglichkeiten zur Projektion von Störungen zwischen Leitbahnen. Die Grundmuster werden nach der schwächsten Yin-Leitbahn benannt, die in der Pulsdiagnose und über den Bauchbefund ermittelt wurden (stimmen Puls- und Bauchbefund nicht überein, so gilt der Zustand als schwierig zu behandeln). Hier macht sich auch der Einfluss der Yin-Stärkungsschule bemerkbar, welcher in der Therapie auf die Stärkung des Schwachen gerichtet ist und im Leitsatz der MT gipfelt: "Yin führt, Yang folgt". Deswegen rät auch das Nan Jing immer erst tonisieren und dann zu zerstreuen. Bemerkenswert ist demgegenüber die landläufige Ansicht, dass Akupunktur zur Zerstreuung von äusseren akuten Störungen einsetzbar ist, chronische innere Leere-Erkrankungen aber durch Kräuter zu behandeln sind - eine Auffassung, die im Licht der obengenannten Passagen kaum der Akupunktur selbst entsprungen sein kann. Der Betonung der Palpation in japanischen Stilen der CM, hat sich in zeitlicher Parallelität genau entgegengesetzt zur immer stärkeren theoretischen Spekulation im Ming zeitlichen China herausgebildet. Während dieser Periode entwickelte sich in Japan ein Militärstaat mit dem Shogun genannten Diktator an der Spitze, der intellektuelles Studium nur insoweit zuliess, wie es dem hierarchischen Militärsystem dienlich war. Daher stammt ein starker Antiintellektualismus, der sich auch noch in der Transmission der japanischen Stile nach Europa im 20. Jahrhundert hinderlich ausgewirkt hat, während das auf Logik getrimmte TCM-System in den 80er Jahren begeisterte Aufnahme fand.

Auch das Nan Jing selbst führt Palpation nicht als oberste diagnostische Methode an, obwohl die ersten 21 Kapitel fast nur von Pulsdiagnose handeln. Kp. 61 Nan Jing formuliert: "Jemand der sieht und um die Krankheit weiss ist Shen-gleich... jemand der tastet und die Krankheit erkennt, ist ein vorzüglicher Handwerker."

Die 2. Sektion des Nan Jing handelt von Kp. 22-29 über Leitbahn-Theorie. In Kp. 25 wird die Thematik des Minister-Feuers von Perikard und 3E angesprochen, die beide einen Namen aber keine Form haben. Dieses Thema wird im Nan Jing immer wieder variiert und streicht die Bedeutung dieser beiden Funktionsbereiche heraus, welche durch die Charakterisierung "ohne Form" in die Nähe zum Ursprung gerückt werden. Der Ursprung des Menschen liegt im Bereich von Ming Men, bzw. des unteren Dantien. Die Bahnen auf denen von hier aus Ursprungs-Qi verbreitet wird sind andere als die regulären Leitbahen. Die Beschreibung von Perikard und 3E als Innen und Aussen (Biao/Li) nährt Vermutungen, dass es sich dabei um das Bindegewebe handelt, das innen alle Gefässe, Nerven und Organe umhüllt und aussen die subkutane Faszie bildet. Da diese Gewebe Abkömmlinge des embryonalen Bindegewebes sind, würde eine entwicklungs-geschichtliche Verbindung zum Ursprung bestehen und somit ein anatomisches Korrelat zu Innen und Aussen, welches als Kommunikationsweg des Yuan Qi dient. Die Nähe des Shu Punktes des 3E zu Ming Men und zu Du 5 dem Schwebenden Pfeiler, an dem die menschliche Bestimmung wie an einem Faden vom Himmel herabhängt, gibt einen weiteren Hinweis auf die Nähe des Minister-Feuers zum Ursprung. Ken Sawada hat den 3E als so zentral für die Integrität des Körpers angesehen, dass er eine eigene Theorie über seine Bedeutung entwickelte. Daraus haben sich moderne Auffassungen entwickelt, die den 3E mit der Funktion des Immunsystems gleichsetzen und speziell die Thymusdrüse als organische Zuordnung dieses Minister-Feuers ansehen. Aufgrund der unklaren anatomischen Zuordnung von 3E und Perikard spielen beide jedoch in der materialistischen TCM-Akupunktur eine untergeordnete Rolle. Dabei wird der 3E unter Flüssigkeitspathologie "substanzialisiert", während der Perikard fast mehr zur Behandlung von Magenbeschwerden benutzt wird (eine Mittag-Mitternacht Beziehung). Das Konzept des Formlosen (Wu) als Mutter der Form und die Rückbindung an einen Ursprung geraten auf diese Weise in Vergessenheit. Ein weiterer Grund für die Vernachlässigung dieser beiden Beamten liegt darin, dass sie so eng mit der Entwicklung von Individualität befasst sind (Immunität beruht auf Identität), ein Privileg, das aus unterschiedlichen Gründen in China und Japan traditionell nur wenigen zugänglich war.

In Kap. 26 erscheinen die Luo-Gefässe und im Kp. 27-29 werden die Qi Jing Ba Mai hinsichtlich ihres Verlaufes, ihrer Funktion und ihrer Pathologie in allgemeinster Weise eher symbolisch dargestellt. Tendino Muskuläre Leitbahnen kommen im Nan Jing genauso wenig zur Sprache wie die Divergenten Leitbahnen, welche beide in Kp. 11 bzw. Kp. 13 des Ling Shu dargestellt sind. Aus diesen nicht systematisierten Einzeldarstellungen des Leitbahn-Systems hat sich in Japan unter dem Einfluss der MT und der topographischen Akupunkturgesellschaft langsam ein zusammenhängendes Bild einer allgemeinen Leitbahn-Theorie herauskristallisiert, welches alle Ebenen des Leitbahn-Systems verknüpfen könnte:

- Jing Luo, das reguläre Leitbahn-System und seine Kollateralen verläuft in dieser Sicht am oberflächlichsten. Hier werden mit äusserst feinen Nadeltechniken die Steuermechanismen der Fünf Wandlungsphasen reguliert.

- Jing Jin, die meridianartigen Muskeln liegen unterhalb der regulären Leitbahnen und werden mit tieferem Einstich und speziellen Lockerungstechniken behandelt. Die Empfindung des Hibiki (Nadelecho) die dabei ensteht, kommt am ehesten dem chinesischen De Qi gleich, sollte jedoch als angenehmes Strömen und nicht als Schmerz wahrgenommen werden. Aus dem im Vergleich zu den Hauptleitbahnen tieferen Verlauf der Jing Jin erklärt sich warum das Wie Qi nach Ansicht der MT hier nicht zirkulieren kann.

Qi Jing Ba Mai und Jing Bie stellen die tiefsten Ebenen des Leitbahn-Systems dar und werden für chronische Beschwerden oder Organstörungen mit Polarisierungstechniken wie Gold- und Silbernadeln behandelt. Dies ist der Bereich der inneren Medizin in der Leitbahntherapie.

Sektion 3 des Nan Jing behandelt die Zang Fu Theorie von Kp. 30-47. In Kp. 36 wird die Aussage von Kp. 25 geradezu umgekehrt: hiess es im letzteren "es gibt 6 Zang in der Form dass "beide Nieren nicht die Nieren sind, die Niere auf der rechten Seite ist Ming Men". Implizit wird dabei unterstellt, dass es nur 5 Fu gibt, d.h. der 3E hat keine Zuordnung zu einem Hohlorgan, sondern er wird mit dem Ming Men in Verbindung gebracht, während Perikard dem Herz als gleichem Zang zugeordnet wird.

Auch hier wieder erscheint die enge Durchmischung von Feuer und Wasser in den beiden Feuerministern, die in so kopfzerbrechender Form dargestellt werden müssen, weil sie so nahe der Einheit sind, welche alle Gegensätze in sich trägt. Deswegen heisst es auch schon im übernächsten Kapitel 38: "Es gibt fünf Zang und sechs Fu" und hier wird der 3E ganz explizit als Bote des Yuan Qi dargestellt.

Immer wieder handelt es sich um die Auflösung der Spannung zwischen 2x5 Organen (oder auch Arm-Leitbahnen) und 2x6 Leitbahnen (oder auch Bein-Leitbahnen), welche als Yang und Yin, Himmel und Erde, als himmlische Zyklen in Form der Jahreszeiten und als irdische klimatische Einflüsse harmonisiert werden sollen.

Die Sektion 4 handelt von Pathologie und umfasst die Kp. 48-61: Kp. 50 gibt ein eindrückliches Beispiel dafür, wie gleiche Ausdrücke von verschiedenen Schulen in der CM völlig anders verwendet werden. Das Nan Jing führt hier die 4 Arten von Krankheits-Transmission über Sheng- und Ko'-Zyklus an, zusammen mit einer Störung die in der betroffenen Leitbahn selbst entsteht und reguläres Übel genannt wird. Die anderen Übel heissen Leere-Übel "auf", "wenn es von hinten" kommt und Fülle-Übel "wenn es von vorne kommt". D.h. Fülle und Leere sind hier nach der Richtung von Transmission von Störungen im Sheng-Zyklus definiert! Daneben gibt es noch das Schwäche-Übel, wenn es von der Grossmutter über den Ko'Zyklus kommt und das Zerstörer-Übel, wenn es vom -enkel kommt. Hier werden also auch für die Pathologie die Steuermechanismen von Sheng- und Ko'-Zyklen nicht nur als bildhafte Analogien, sondern als konkrete Qi-Bewegungen mit therapeutischer Relevanz dargestellt. Das Kp. 53 gibt besonders die Ko'-Zyklen-Achsen als bevorzugte Transmissions-Achsen an, die gefährliche Pathologie übertragen.

Im Kp. 49 werden auch die externen pathogenen Faktoren an das Fünfer-Schema angepasst, das im Nan Jing durchgängig angewendet wird und so finden wir wie gewohnt Hitze und Wind für Herz und Leber, aber übermässiges Essen für die Milz, Kälte für die Lunge und Feuchtigkeit für die Nieren.

Kp. 61 beschreibt eine Hierarchie der Sinneswahrnehmung die von Sehen der fünf Farben, über des Hören der fünf Töne (bzw. das Riechen der fünf Ausdünstungen) hin zum Fragen der fünf bevorzugten Geschmäcker und zum Tasten der fünf Wandlungsphasen in der Palpationsdiagnose reicht. Die Hierarchie wird beschrieben als die Krankheit zu kennen, sie zu unterscheiden, zu wissen wo sie begann und wo sie sich jetzt befindet und schliesslich in welcher Yin-bzw. Yang-Leitbahnen sie sich aufhält.

Die 5. Sektion befasst sich in den Kp. 62-68 mit der Punktnatur, genauer gesagt mit der Klassifikation der antiken Punkte, welche nicht gemäss dem Informationsmodell der fünf Wandlungsphasen eingesetzt werden, sondern mehr an einer symptomatischen Funktion orientiert sind, je nachdem wie tief ein pathogener Faktor nach innen vorgedrungen ist. Das Kp. 68 gibt dabei die bekannten Vorgaben: "Jing-Punkte beeinflussen Völlegefühl im Oberbauch", "Ying-Punkte regulieren Hitze" usw., d.h. bei Bedarf kann anstatt eines informativen Steuerungvorganges über die Fünf Wandlungsphasen auf ein System zurückgegriffen werden das empirisch eine bestimmte Symptomatik anspricht. Dabei dürfen aber die Fünf antiken Punkte nicht mit den Fünf Wandlungsphasen-Punkte gleichgesetzt werden, sondern stellen eher ein Modell dar, welches aus früherer Zeit stammt und den Menschen in engster Abhängigkeit vom Himmel und seinen himmlischen Einflüsse sah. Demgegenüber stellt das Fünf Wandlungsphasen-Modell eine Endlosschleife von Qi-Bewegungen dar und die Analogie der Leitbahnen mit den chinesischen Wasserstrassen (deswegen werden die Leitbahnen ebenfalls Jing Shui genannt) spiegelt wieder, dass im Fünf Wandlungsphasen-System eine eher anthropozentrischen Sichtweise dar, in der die Energie von aussen nach innen fliesst und nicht zirkuliert, wie z.B. aus den Ma Wang Dui Texten ersichtlich ist.

Behandlung und Nadeltechnik für das neuere Zirkulationsmodell werden im sechsten Abschnitt des Nan Jing in den Kp. 69-81 beschrieben.

Hier werden die Behandlungsstrategien vorgegeben, die sich direkt an die Leitbahnen wenden und über diese Zang Fu Funktion beeinflussen. Dabei wird ein präventiver Aspekt betont wie z.B. im Kp. 77: "Der überragende Arzt behandelt was noch nicht erkrankt ist", d.h. es werden die Leitbahnen behandelt, die über den Kontroll-Zyklus mit der am meisten gestörten Yin-Leitbahn in Verbindung stehen, da der K'o-Zyklus aus Sicht des Nan Jing die bevorzugte Projektionsachse von Erkrankung darstellt. Im folgenden Kp. 78 taucht ein bedeutungsvolles Statement für die Nadeltechnik auf: "diejenigen, die zu nadeln wissen, vertrauen auf ihre linke (d.h. stabilisierende) Hand - diejenigen, die nicht zu nadeln wissen, verlassen sich auf ihre rechte (d.h. manipulierende) Hand". Hier wird die beidhändige Nadeltechnik beschrieben, mit der sog. Mutterhand, die scheinbar nur die Nadel stabilisiert, nichts tut und damit alles tut und der Botenhand, die zwar mit der eigentlichen Technik betreut ist, jedoch nicht die Hand ist, die die Qi-Bewegung unter der Nadel wahrnehmen kann. Das "De Qi" wird hier also nicht über Schmerz an den Patienten delegiert, sondern muss von Akupunkteuren selbst wahrgenommen werden. Und wie Ling Shu Kp. 1 betont:"Sobald das Qi angekommen ist, besteht kein Grund die Nadel weiter zu belassen." In dieser Sektion werden somit äusserst feine Techniken und Behandlungsstrategien aufgeführt, die sich an die "Software" der Fünf Wandlungsphasen richten und mit Tonisieren/Sedieren (richtiger Auffüllen/Zerstreuen) einen An/Aus-Schalter aufweisen. Während der Ming Dynastie wurde von Gao Wu Auffüllen mit dem Einsatz des Wandlungsphasen-Punktes der Mutter-Leitbahn gleichgesetzt, Zerstreuen als Benutzung des Wandlungsphasen-Punktes der folgenden Leitbahn interpretiert. Der koreanische Mönch SA AM hat dieses Modell weiter zur sog. Vier-Nadeltechnik ausgebaut, indem er zusätzlich noch die Ben Punkte auf die Mutter- bzw. auf die Kind-Leitbahn hinzufügte. An diesen Vorgaben und Weiterentwicklungen des Nan Jing orientiert sich die Meridiantherapie bei ihren Fünf Grundmusterbehandlungen.

Solche für westliche Klienten sehr verträglichen feinen Techniken und Behandlungsmuster sind in China unter der pharmakologischen Dominanz aus der Akupunkturpraxis verschwunden. Die ganz auf die Zang Fu ausgerichtete Diagnostik und Behandlung degradiert die Akupunktur zu einer robusten Hilfstechnik. Deren Stärken können sich aber erst voll entfalten wenn Diagnose und Behandlung wie im Nan Jing konsequent auf die Leitbahnen abgestimmt sind.

Die Zurückstufung einer Leitbahn orientierten Sichtweise wird z.B. daran ersichtlich wie Moxa in der TCM beurteilt und eingesetzt wird. Dabei wird die Wärmeentwicklung von Moxa mit der Wirlung von warmen und heissen Kräutern gleichgesetzt, die nicht bei Hitzeerkrankungen eingesetzt werden dürfen. Moxatherapie hingegen als eigenständige Behandlungsform, die sie immer war (wie aus spezialisierten Moxatexten z.B. aus den Ma Wang Dui-Funden ersichtlich wird), benutzt in Japan sehr kleine Kegelchen auch zur Behandlung von Hitze-Erkrankungen, da es als eine Methode zur Beeinflussung des Qi verstanden wird und somit eher die Qi regulierende Wirkung der Nadeln aufweist als eine wärmende substanzielle Funktion. Deswegen werden auch in der Moxatherapie Differenzierungen wie Auffüllen und Zerstreuen getroffen. Moxa kann wärmen, wenn es in grösseren Mengen eingesetzt wird, es jedoch von vornherein mit pharmakologischen Wirkungen gleichzusetzen ist das gleiche Vorgehen wie Akupunkturpunkte auf isolierte Funktionen zu beschränken, ohne sie im Gesamtzusammenhang des Leitbahn-Systems zu sehen.

Was die Ganzheitlichkeit, d.h. die Einbeziehung der psychischen Aspekte von Krankheit betrifft, so möchte ich es hier bezüglich der TCM mit der Erklärung bewenden lassen, dass in einer der marxistischen Doktrin angepassten "T"CM Psychologie ohnehin nur als "bürgerliche Pseudowissenschaft" gilt. Diese Haltung dürfte sich allerdings nahtlos in die in China traditionelle Abneignung gegenüber einem Gesichtsverslust eingefügt haben, dadurch dass man ausserhalb der eigenen Familie emotionale Probleme zu erkennen gibt.
Auch in der japanischen MT finden sich wenig Aussagen über emotionale Probleme. Die japanische Version des konfuzianischen Klassendenkens hat zur Ausbildung des Samurai-Ideals geführt und der Krieger als Leitbild der japanischen Kultur hat mindestens seit Beginn der Tokugawa-Periode ab 1600 alle gesellschaftlichen Schichten und Lebensbereiche tief durchdrungen. Darin enthalten ist das Prinzip von unbedingter Loyalität der Obrigkeit gegenüber, von der vorausgesetzt wird, dass sie aufgrund ihrer Position das Richtige tun wird. Von einer unter solchen Bedingungen entstandene Medizin kann man keine individuellen psychologischen Ansätze im westlichen Sinne erwarten.

Nachdem der TCM-Boom abgehakt sein wird, steht zu erwarten, dass als nächstes der MT-Boom ausbricht, inklusive eine genausowenig reflektierte Übernahme des implizit darin enthaltenen Weltbildes, das von gänzlich anderen psychischen Strukturen und wie oben beschrieben von einem ausgeprägten Antiintellektualismus bestimmt wird.

Die japanische Kriegermentalität bekam China in zwei Kriegen zu spüren und die daraus entstandene Feindseligkeit stellt sicher eine Problematik für die Übernahme von Konzepten der japanischen MT in das chinesische TCM Gebilde dar.

Beiden gemeinsam ist jedoch das Fehlen einer wirklich auf das emotionale Befinden westlicher Patienten abgestimmte Vorgehensweise. J.R. Fünf Wandlungsphasen-Stil versucht diese Lücke zu schliessen, konzentriert sich aber im Bemühen, über den "Geist der Punkte" die "Wurzel (der Erkrankung) im Geist" zu behandlen so sehr darauf, dass es mit dieser Methode schwierig wird mit einem akuten "Hexenschuss" umzugehen. Oft gehen ganz pragmatische Aspekte unter einer Fixierung auf spirituelle Behandlung verloren, dabei jedoch von "Psychologisierung" zu sprechen ist ein Hohn angesichts der zunehmenden Medikalisierung, d.h. einseitigen Verwissenschaftlichung der TCM. Trotz Schwächen bei der Behandlung von akuten physischen Problemen, ist es zweifellos Verdienst eine den westlichen Patienten zugängliche spirituelle Interpretation der CM geschaffen zu haben.

Die "Psychologie" der CM ist, was die Ausformulierung ihrer Konzepte betrifft, rudimentärer im Vergleich zu westlichen psychologischen Schulen, diesen jedoch meilenweit voraus in einer vernetzten Sichtweise der Emotionen mit Hilfe der Fünf Wandlungsbewegungen. Dadurch sind klare Richtlinien und eine einheitliche Theorie gegeben, so dass Psychologie Beliebigkeit und Aufsplitterung verliert. Umgekehrt könnte die CM von einer Intergration westlicher psychologischer Techniken und detaillierter Erkenntnisse profitieren, v.a. wenn die Perspektiven der humanistischen und transpersonalen wie auch der körperorientierten Psychotherapie-Methoden einbezogen werden. Von diesem Hintergrund aus betrachtet kann sich das Nan Jing nicht nur für die handwerkliche Dimension der Akupunktur als Grundlagenwerk erweisen, sondern auch für die Kunst der Menschenkenntnis und -bildung mittels des Fünf Wandlungsphasen-Modells. Der Klassiker der Schwierigen Fragen kann jedoch nur Ausgangspunkt für eine Entwicklung sein, die einer eigenständigen Form von westlicher Akupunktur werden soll. Statt auf Meridiane ganz zu verzichten und alles auf Triggerpunkt-Mechanismen zu beschränken, worauf die schulmedizinische Alternative letztendlich hinausläuft oder die Leitbahnperspektive zugunsten von Pharmaka-imitierenden Punktfunktionen zurückzustellen, könnte ein solcher westlicher Akupunkturstil die Software der Fünf Wandlungsphasen benutzen, um Qi intelligent zu regulieren. Dabei werden die Leitbahnen als Gestalt unserer Probleme verstanden, welche über das Bio-Feedback-System des Körpers der Psyche ihre zu entwickelnden Potentiale spiegeln.